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Blaulicht - seid Ihr genervt oder fasziniert und warum eigentlich blau?

Zukünftig weniger Blaulicht?

Ein Presseartikel von Oliver Stöwing bringt es ans Licht. Scheinbar blinkt es zuviel auf unseren Straßen. Das Verkehrsministerium schränkt mit einem Beschluss vom Juli 2021 die Anzahl der erlaubten Blaulichter für die Feuerwehr ein. Je ein Blaulichtpaar vorn und hinten. Licht nur in eine Richtung, Rundumkennleuchte adieu. Alles andere muss zurückgebaut werden. Begründet wird dies mit Übersignalisierung und Verunsicherung von Verkehrsteilnehmern sowie unnötiges Blenden.

Ich fahre regelmäßig Auto, Motorroller, Fahrrad und gehe zu Fuß. Im letzteren Fall kann ich die Begründung fast nachvollziehen, wenn ein Löschzug lautstark und grell wenige Meter entfernt vorbeisaust. Ich fühle irgendwas zwischen Beängstigung und Faszination. Für die Einsatzkräfte jedoch, wenn jede Minute zählt, muss es der Horror sein, wenn wieder so ein Trottel auf ihr Sondersignal gleich einer Schlafmütze reagiert. Sie machen das ja nicht zum Spaß.

Leider sehr blöd, wenn ich selbst der Trottel im Auto bin. Ja, es passiert mir tatsächlich hin und wieder, dass ich Rettungskräfte erst recht spät wahrnehme. Dabei bin ich konsequent ohne Kopfhörer, ohne Handygespräche und nur mit leisem Radio unterwegs. Ablenkung lauert überall. Dichter Verkehr, alle möglichen Arten von Verkehrsteilnehmern, unübersichtliche Verkehrswege, unzählige Ampeln und Schilder, digitale Werbeportale, Weihnachtsbeleuchtung, Tankstellenpreise, Baustellen bis hin zu blinkenden Reflektoren an Kleidungsstücken. Die Welt ist schneller und bunter geworden.

Doch so einen Blaulicht-Beschluss zu bewerten steht mir nun wirklich nicht zu. Dem Deutschen Feuerwehrverband hingegen schon. Und jetzt kommt mein Lieblingssatz: "Experten warnen." Warnende Experten gibt es überall.
Der DFV sorgt sich deutlich um die Sicherheit der Einsatzkräfte und befürchtet ein erheblich höheres Risiko und folglich mehr Unfälle bei Einsatzfahrten mit Sondersignal. Er hat auch schon einen Vorschlag zur Nachbesserung eingereicht. Dabei reden wir hier nur von Licht. Martinshorn ist noch ein anderes Streit-Thema.

Dies wiederum passt zu meinen persönlichen Erfahrungen. Ich bin dankbar für beste Sichtbarkeit der Einsatzfahrzeuge, weil ich eher reagieren und die Gasse frei machen kann kann, weil vielleicht dadurch Leben gerettet werden, nicht zuletzt weil vielleicht mein Mann oder meine Tochter im roten Auto hinterm Steuer sitzen und dabei ihr Leben riskieren.

Der Trend in den meisten EU-Staaten zeigt übrigens genau in die entgegengesetzte Richtung als unser Beschluss, nämlich mehr Sicherheit für jedermann durch mehr Blaulicht in alle Richtungen.

 

Gesetz und Praxis

Die Feuerwehr darf das

Die Gewährung von Sonderrechten regelt § 35 StVO, also wer wann welche Verkehrsregeln missachten darf, z. B. Tempolimit oder Ampeln. Bei Inanspruchnahme sind Blaulicht und Sirene Pflicht, sie muss weiterhin verhältnismäßig sein und darf trotz allem andere nicht gefährden. § 1 der StVO gilt immer, auch für Fahrzeuge im Einsatz: gegenseitige Rücksichtnahme. Also darf auch ein Feuerwehrauto nicht blindlings bei roter Ampel über die Kreuzung rasen, schon gar nicht ohne Sondersignal. Aber ganz ehrlich, die Kameraden sind ja weder blöd noch lebensmüde.

Achtung, Platz machen

Ist ein Fahrzeug mit Blaulicht und Martinshorn unterwegs, zeigt es an, dass der Fahrer von den Sonderrechten (§ 35) Gebrauch macht und nicht alle Verkehrsregeln beachtet. Im Normalfall bedeutet dies für alle anderen: Rettungsgasse bilden bzw. rechts ranfahren. Manchmal ist weiterfahren besser als anhalten, um Freiraum für Einsatzfahrzeuge zu schaffen. Mitdenken schadet sowieso nie, besonders an Kreuzungen und noch mehr im Kreisverkehr. Das Wegerecht regelt übrigens § 38. Missachtung des Wegerechts für Einsatzfahrzeuge hat empfindliche Strafen zur Folge, derzeit ab 200 € aufwärts plus Fahrverbote.

Nur Blaulicht

Blaulicht ohne Sirene wird nur als Warnung an Unfall- oder Einsatzstellen eingesetzt sowie bei Begleitung von Fahrzeugen oder Personengruppen (Umzug, Demo, Fahren im Verband...). Ohne Sirene KEIN Wegerecht oder Vorrang, nur erhöhte Aufmerksamkeit.

 

Ausflug in die Geschichte des Blaulichts

Warum thront Blaulicht auf unseren Autos? Weil es gleichzeitig besonders gut und besonders schlecht zu sehen ist. Eingeführt zu einer Zeit, als letzteres existenziell war.

Blaulicht

Zurück in die Jahre 1933/1938

Deutschland steht kurz vor dem Krieg. Die Aufgabe: Polizeifahrzeuge mit geeignetem Signallicht ausstatten. Die Entscheidung fällt 1933: BLAU. Blaulicht erfüllte alle damaligen Anforderungen.

Blau ist gut zu sehen - Alltag

Es ist im nahen Umfeld bestens wahrnehmbar, so dass Polizei und Rettungsfahrzeuge am Boden schnell und sicher ihre Einsatzorte erreichen. Im Alltag fällt Blaulicht auf. Es ist exklusiv. Es kommt einfach selten vor. Die meisten Dinge erscheinen gelb oder gelbverwand, denken wir an Straßenlaternen, Ampeln, Markierungen, Wohnhäuser... Also Daumen hoch für Blau als perfekte Signalfarbe (Kobaltblau). Übrigens ein Alleinstellungsmerkmal von Einsatzfahrzeugen.

Am Rande: Einfach aus Spaß mal rein privat mit Blaulicht rumzuzuckeln ist vielleicht spaßig aber nicht empfehlenswert. Im besten Fall ist es nur teuer, im schlimmsten Fall fällt die Strafe höher aus.

Blau ist schlecht zu sehen - Physik

Für die feindliche Luftwaffe dagegen, und das war das Entscheidende, ist blaues Licht durch die hohe Streuung fast unsichtbar, speziell nachts. In der Schule haben wir gelernt: Sonnenlicht setzt sich aus allen Farben des Regenbogens zusammen. In der Atmosphäre stößt das Licht auf dem Weg zur Erde mit Gasmolekülen zusammen und ändert dadurch seine Richtung. Das Sonnenlicht wird gestreut. Jede Farbe hat eine bestimmte Wellenlänge. Die Wellenlänge von Blau ist am kürzesten. Kurze Wellenlänge = hohe Streuung. Auf größerer Entfernung bleibt vom Blau also nicht mehr viel übrig, alles "zerstreut". Nur so zum Vergleich: Die Reichweite von blauem Licht ist etwa vierfach kürzer als von rotem oder weißem.

So war das eben. Im Krieg herrschen andere Prioritäten. Wenige Jahre später, und zwar 1938, ziehen Feuerwehr und Rettungsdienst nach. Zugrunde lag der Runderlass vom 07. Mai 1938. Damit gab es in Deutschland erstmalig ein einheitliches Sondersignal und löste die Vielfalt bis hin zu rotem Licht, das es auch gab, ab.

Es beginnt zu blinken

Geblinkt hat es am Anfang nicht. Erst Mitte der 1950er Jahre wurde die Rundumleuchte eingeführt. Seither unterstützt ein Blinken die noch bessere Sichtbarkeit, was mit stetiger Zunahme der Beleuchtung in Außenräumen und im Verkehr dringend notwendig wurde. Die erste Rundumkennleuchte kam 1955 von der Firma Auer. Das flackernden Blinken enstand durch ein Linsensystem. Etwas später änderte sich das Prinzip, Hohlspiegel drehten sich um eine feste Glühlampe unter einem blauen Schirm. Heutzutage gibt es verschiedene Systeme, u.a. mit LED.

Jetzt gerade sehen wir wieder in eine Zukunft mit Rückbau der Fahrzeuge zu weniger und Richtungslicht. Vermutlich fällt uns nichts Besseres ein, was wir mit Steuergeldern tun können...

Text: Martina Schultze

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